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Endstation Eden

Endstation Eden

Der Zug rast über die Schienen. Einer der neuen Züge. Ein ICE. Um mich herum ist alles grau. Grau wie die Himmel an einem regnerischen Novembertag. Graue Wände. Grau Sitze. Graue Gepäcknetze. Selbst die Gesichter der anderen Menschen erscheinen grau.
Es ist still. Als habe niemand den Mut, zu reden. Als würde das Reden ewige Verdammung bedeuten. Ab und zu hustet jemand. Husten die Menschen um zu testen, ob ihre Ohren noch funktionieren? Fürchten sie, taub zu sein? Eine Zeitung knistert. Ich kann von meinem Platz aus nicht viel sehen. Der Sitz vor mir ist so hoch, dass ich nicht darüber schauen kann. Und ich sitze am Fenster. Ich sehe nur die graue Lehne des Sitzes vor mir, den leeren Platz neben mir und die junge Frau, die auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Sie mag 16, vielleicht 17 sein. Ihre Lippen glänzen fettig wegen den Unmengen Lipgloss darauf. Über ihrem Bauch spannt sich ihr pinkes Oberteil. Sie liest eine der Zeitschriften für Jugendliche in denen es um Sänger und Kleidung und Sex geht. Ob sie wohl wie ich bis zur Endstation mitfährt?
Der Zug verlangsamt seine Fahrt und hält an einem Bahnhof. Vor dem Fenster bewegen sich die Menschen. Männer mit Aktenkoffern, Frauen mit Kindern, langsame Alte. Auf eine Bank schläft ein Alter Mann mit einem langen Bart. Vor der Bank liegt eine Flasche Wodka am Boden. Ein Teil der Flüssigkeit ist herausgelaufen und hat eine Spur auf den Steinen hinterlassen. Der Mann wird sich ärgern, wenn er aufwacht. Hier ist seine Endstation. Menschen laufen um ihn herum. Egoismus. Niemand beachtet ihn. Egoismus. Bestenfalls ein paar Blicke und die Gedanken dahinter... ob der Mann die Gedanken wohl hören kann? Sie werden so laut gedacht, dass man sie doch hören müsste... Ruckartig fährt der Zug an. Der Bahnhof zieht an mir vorbei und der Mann auf der Bank wird zu einem verblassenden Schatten in meinen Gedanken.
Ich rutsche auf den leeren Platz zu meiner Rechten und sehe mir die Leute etwas genauer an. Zwei weißhaarige Frauen sitzen nebeneinander und sehen aus dem Fenster. Sie haben schweres Gepäck bei sich. Ja, denke ich, die beiden fahren bis zur Endstation mit. Meine Blicke wandern weiter über die Körper vor mir. Ein junger Mann, in Flecktarn gekleidet. Er kommt wohl gerade von der Bundeswehr und freut sich auf seine Eltern und sein Mädchen. Er möchte für sein Land kämpfen. Nicht für seinen Gott. Warum kämpft jemand für etwas, an dass er nicht glaubt? Glaubt jemand an ein Land? Ja, es ist da... aber was tut es. Vielleicht möchte der junge Mann ja gar nicht kämpfen, schießt es mir in den Kopf. Vielleicht muss er nur 9 Monate bei der Bundeswehr verbringen...
Menschen zu beobachten langweilt mich. Ich sehe kurz hinauf zu meiner Reisetasche die über mir im Gepäcknetz liegt und dann aus dem Fenster hinaus. Der Zug fährt nun an einer Wiese vorbei. Am Rand des Grases steht eine Reihe von Bäumen. Sie strecken grüne Zweige gen Himmel. Und schon muss ich wieder an die Menschen denken. Sie sind nicht wie die Bäume. Die Menschen mögen den Bäumen ähneln, aber sie sind nicht so. An den Ästen der Bäume hängt der Glaube in Form von Blättern. Sie strecken die Äste in den Himmel um mehr Glauben zu bekommen. Die Menschen... nun, ja, sie strecken ebenfalls die Arme in den Himmel. Aber die wenigsten haben noch Blätter. Sie strecken braune Äste in den Himmel und hoffen auf eine Gabe von Gott während unter ihrer verfaulenden Rinde Würmer Gänge in ihr Fleisch graben. Verachtenswert. Ein Teil dieser Menschen wird heute mit mir bis zur Endstation fahren.
Der nächste Bahnhof. Ewig die gleichen, gesichtslosen Menschen. Sie schleppen ihre Koffer durch die Gänge und suchen sich Sitzplätze. Sie hieven ihre Koffer in die Gepäcknetze unter die sie sich dann setzen. Wie können sie sich sein, dass das Netz das Gewicht des Koffers hält? Ist es Gottvertrauen? Wohl eher Bahnvertrauen. Oder Technikvertrauen. Eine Frau fragt mich, ob der Sitz neben mir noch frei wäre. Ich rutsche ans Fenster zurück und überlasse ihr den Platz am Gang. Sie setzt sich hin und stellt ihre Handtasche auf ihrem Schoß ab. Aus den Augenwinkeln betrachte ich sie. Ihre rotbraunen Haare hat sie zu einem ordentlichen Knoten hochgesteckt. Sie hat hübsche Gesichtszüge, ihr Alter ist schwer zu schätzen. Ich betrachte die Sommersprossen in ihrem Gesicht und ihr Ohrläppchen. Sie muss bemerkt haben, dass ich sie beobachtet habe. „Ich fahre nur bis zur nächsten Station.“ Ich nicke. Und sage dann: „Ich fahre bis zur Endstation.“ Sie scheint kurz zu überlegen. Wahrscheinlich fährt sie jeden Tag mit diesem Zug und weiß trotzdem nicht, wo die Endstation ist. Erbärmlich. „Fahren Sie noch lange?“ fragt sie. „Nein“ antworte ich wahrheitsgemäß und wende meinem Blick dem Fenster zu, womit ich ihr unmissverständlich klar mache, dass das Gespräch beendet ist. Sie fährt auch bis zur Endstation. Sie weiß es nur noch nicht. Goldgelbe Felder. Ein Bauer erntet gerade mit einer großen Maschine Weizen oder ein ähnliches Getreide. Gott hat ihm sein täglich Brot geschenkt. Aber weiß er es denn zu schätzen?
Ich sehe an der Frau vorbei. Das Mädchen sitzt noch immer mit ihrer Zeitschrift auf der gegenüber liegenden Seite des Ganges. Sorgenfreies Teenagerleben...
Meine digitale Armbanduhr piepst. Die Reisetasche im Gepäcknetz über mir explodiert und verteilt tausende Nägel, Reißzwecken und Scherben im gesamten Abteil und in den gallertartigen Körpern der Ungläubigen.

Endstation Eden. Unsere Linie endet hier. Wir wünschen Ihnen eine gute Weiterreise. Auf Wiedersehen.

(20.08.2004)

9.1.09 13:45
 


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